Von gesperrten und anderen Wegen

Nächte, die ich nicht auf Campingplätzen verbringe, sondern einen der wenigen erlaubten und sympatischen Parkplätze entdecke, verlaufen manchmal nicht ohne Überraschungen. Die letzte Nacht auf Oléron verbringe ich am Ende einer Sackgasse neben einem Club Nautique. Die letzten Spaziergänger, Angler und Restaurantbesucher machen sich gemütlich auf ihre Heimwege und ich schlafe fast schon ein. Zwei Lieferwägen halten mit Getöse direkt neben mir und eine Großfamilie steigt aus, stellt Tische und Stühle auf, lässt ihre vielen kleinen Minihunde frei und palavert direkt neben meinem „Schlafzimmerfenster“. Eine Weile beobachte ich, wie die Kinder mit Taschenlampen unter lauten Zurufen der Kracheltern über den Strand stolpern und warte, bis die Rasselbande zur Ruhe kommt. Als das nichts wird, starte ich meinen lieben Bus und parke mich 50m weiter weg. Am nächsten Morgen weckt mich ein höfliches Klopfen auf dem Busdach. Es wandert von hinten nach vorne und hört erst auf, als ein klitzekleiner gelbgrüner Vogel auf dem Seitenspiegel landet. Na danke!
Die Krachmacherfamilie ist längst wieder am Start …oder immer noch? Sie sammeln irgendetwas am Strand. Vielleicht ist es ja eine Muschelfischer-Gang.

Macht nichts, ich besichtige heute Rochefort und La Rochelle, fahre dann weiter der Küste entlang nach Norden. Es ist traumhaft schön hier!

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Am Abend erreiche ich so etwas, was ich für die Bretagne halte: Schaurigschöne Felsen, Strand, Meer. Und viele Menschen, die alle nach oben schauen. Les Sables d’Olonne gehört nicht zur Bretagne, wie ich später nachforsche, sondern zur Region Pays de la Loire.

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Zunächst einmal genieße ich mit allen anderen das Himmelsschauspiel: Acht Armeeflieger malen in erstklassigem Formationsflug blaue, weiße und rote Streifen in den Himmel, der sich mit der Zeit in ein rosa-weiß geflecktes Durcheinander verwandelt.

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Man ist beeindruckt. Die Flieger teilen sich, fliegen aufwärts und scheinen abzustürzen, dann kreuzen sich ihre Flugbahnen unten wieder und wir staunen.

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Die erstaunlichste Darbietung liefern allerdings acht Möwen ab, die sich gekonnt am Formationsflug beteiligen, wie ihr in der Großaufnahme sehen könnt (Flieger unten, Möwen oben). Sie scheinen es nachzuahmen, teilen sich auf, treffen sich wieder und fliegen in geschlossener Linie davon.

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In La-Barre-De-Monts ist das Wetter wunderbar, so dass ich beschließe, mal wieder mit dem Radl die Brücke auf die Île de Noirmoutier zu nehmen.

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Der Radweg auf der einen Seite der Brücke ist gesperrt, dieser hier klappert bedenklich. Und unter mir geht es verdammt tief runter. Nur wenn ich runtersehe, fällt mir wieder ein, dass ich ja eigentlich Höhenangst habe. Aber dieses unbeschreibliche Brückenradelfeeling entschädigt für alles.

Auf der anderen Seite passiert kilometerlang außer gesperrten Radwegen (Route barreé, das mögen sie hier) und Autostraßen nichts Spektakuläres, bis mich ein Schild neugierig macht:

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Hinter der nächsten Biegung beginnt die Niedrigwasser-Passage von Gois!
Bei Ebbe kann man aufs Festland fahren. Bei Flut wohl besser nicht.

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Die Frage ist ja nun, wie lange nach Niedrigwasser kann ich da noch mit dem Fahrrad heile rüber? Ich rechne nach: Hochwasser müsste so gegen 16h sein. Ich könnte ja so weit radeln, bis ich das Wasser sehe, dann kann ich ja immer noch umdrehen. Es sieht soweit ganz harmlos aus, also starte ich,

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mache ein paar Fotos, sehe mich in aller Ruhe um…

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Wer würde hier schon parken?

…bis mir entgegenkommende Fahrzeuge energisch Zeichen machen. Auch ein roter Hubschrauber fliegt die Straße ab.

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Wird es da hinten schon nass oder flimmert die Hitze auf der Straße?

Ich kehre auf halber Strecke um und als ich wieder an den Parkverbotsschildern vorbeikomme, stehen diese schon im Wasser. Hui, das ging jetzt aber flott!

Eine halbe Stunde nach meinem Start bin ich wieder am Warnschild, auf dessen Rückseite (!) darauf hingewiesen wird, dass man die Straße nur eineinhalb Stunden vor bis eineinhalb Stunden nach dem Niedrigwasser befahren darf.

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Immerhin blinkt das Warnschild jetzt.
Aus sicherer Entfernung lässt sich dann beobachten, wie schnell die Straße im Wasser versinkt. Zum Glück ist die Straße in der Mitte tiefer, so dass ich nicht vom Wasser eingeschlossen werden konnte. Wie leichtsinnig!

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Den Rest des Tages verbringe ich in allen wunderschönen Dörfern der Insel (in Noirmoutier en Île stapeln sich die Touristen!), am Strand und dann geht es wieder über die schöne, hohe blaue Brücke, deren beide Radwege jetzt gesperrt sind. Die Straße ist verboten für Fahrräder. Paradoxe Sache, denn die Ebbe-Passage ist ja erst wieder am späten Abend befahrbar. Augen auf und rüber, über die polternden Bodenplatten!

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Die Passage-du-Gois am Abend von der anderen Seite, aus Richtung Beauvoir-sur-Mer …noch immer nicht befahrbar, aber schööööön!

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Am Ende des schönen Tages genieße ich die Aussicht über das endlose Wattenmeer, gleich hinter dem abgelegenen stillen Parkplatz. Bis ich am nächsten Morgen zwischen unendlich vielen parkenden Autos aufwache. Die Muschelgourmets sind schon im Watt unterwegs…

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