Mistral

Im unteren Rhônetal geht eine steife Brise. Ich will so gern einfach mal auf einer Wiese liegen und ein Buch lesen. Der Wind an der Küste ist ungemütlich, die Touristenzonen an den Stränden auch. Ich fahre nach Norden aufs Land. Durch gepflegte Oliven- und Weingärten.

Die absolute Entdeckung mache ich (nicht nur ich, sondern Tausende Touristen, die in Bussen angekarrt werden) hinter Les-Baux-de- Provence. Dort finde ich zwischen unglaublich imposant gebrochenen Felsen einen kuscheligen Stellplatz mitten in der Natur.

Beim abendlichen Rundgang ahne ich Großes, als ich leere Parkplätze und Plakate zu „Les Carrières de Lumières“ passiere.
Am nächsten Morgen betrete ich das Schauspiel noch vor Eintreffen der Reisebusse und es ist eine Offenbarung:

Diese gehauenen Felshöhlen werden im Innern mit unzähligen Projektoren ausgeleuchtet: man wandelt zu Callas-Arien durch van Goghs Gemälde. Alle Wände, Decken, Böden sind voller Farbe und Licht. Eine absolut faszinierende Show! Ich empfehle sie dringend!

Anschließend schlendere ich durch den kleinen Ort und genieße die Aussicht von der Burg aus über die Provence bis runter in die Camargue. Dort will ich hin!

Aber vorher gucke ich mir noch alles an. Arles am Abend, mit netten Ecken zum Abhängen

und vom anderen Ufer aus in van Gogh’schem Licht:

Der Markt am Samstagmorgen lässt am Welthunger zweifeln. Es gibt so viel zu Essen. Wir leben im Paradies! Menschen, teilt und lebt endlich! Was sollen die beknackten Wirtschaftskriege? Geld kann man nicht essen!

Man hört ja nicht auf mich…

Dafür geb ich heute mal wieder jeder Bettlerin was.

Weiter geht es nach Nîmes, wo Dianas Tempel ziemlich verstaubt rumsteht,

Goldfische in den sehr alten römischen Bädern herumschwimmen

und jede Menge Schulklassen die Jardins de la Fontaine füllen.

Weiter geht es nach Süden, Richtung Camargue, durch Bauernland.

Feigen wachsen wie Unkraut an Bächen (bin noch immer im Paradies).

In der Camargue ist er wieder, der Wind. Er haut mich fast jedes Mal um, wenn ich das Auto verlasse.

Der Wind fegt Erde vom Acker, die Straße versinkt im Staubnebel.

Einmal traue ich mich mit dem Rad zum Leuchtturm (auf dem Rückweg habe ich Rückenwind, genial!). Aber die meiste Zeit beobachte ich vom geschützten Bus aus, wie Pelikane sich Knoten in ihre schönen Hälse machen, sich steif in den Wind stellen und sich angestrengt ausbalancieren, um nicht ins Wasser gepustet zu werden.

Alle Tiere laufen hier frei rum, nur die Menschen sind auf ihren Straßen und ein paar spärlich verteilten Parkplätzen eingezäunt.

Ich komme hier nicht wirklich zum Französisch sprechen. Ich treffe Pferde, Kormorane, Reiher, einen Löffler, Möwen, Russen, Schwaben, Niederländer, Deutsche und Spanier.

Was hier allerdings wirklich sehr faszinierend ist, sind die Farben. Die Landschaft ist silbergrün-rosa von den überall blühenden Tamarisken, die van Gogh persönlich hier hineingemalt haben muss.

Und das Wasser hat hier so viele unterschiedliche Farben auf engstem Raum, unglaublich!

Ozeanblau, Tiefblau, Blaugrün, Türkis am Meerwasser, Himmelblau in den Tümpeln der Flamingos, Brackigbraun und Blassgrün in den Flüssen, Grau auf den Reisfeldern oder ist sogar rötlich bis dunkelrosa auf den Salzfeldern.

Salzfelder bei Salin-de-Giraud

Am Abend bietet sich dann beinahe die Gelegenheit zu meiner Daily-Franz Challenge. In Saintes-Maries-de-Mer bittet mich eine freundliche Französin, die an mir ihr Deutsch polieren will (!), den einzigen noch freien Stellplatz zu verlassen. Die Gitanes haben alle Plätze reserviert, denn hier ist derzeit das alljährliche Treffen der Zigeuner (Anmerkung zur political correctness: ja: sie nennen sich so!)

Macht nichts, der Wind nervt sowieso.

Jetzt verbringe ich ein paar fast windstille Tage weiter im Westen am Strand von Le Grau-de-Roi und lese endlich mein Buch.

Und dann gehts mit dem Töchterlein weiter nach Süden!

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