Hier passiert jetzt jeden Tag was

Damit meine ich nicht, hier im Blog. Nein, es ist viel realer. Hier (im Sinne von hier) und nirgendwo anders. Ich könnte könnte auch gar nicht woanders sein, als hinter dem Küchenfenster. Und da draußen geht es richtig zur Sache:
Pünktlich zum Home-Office steht morgens früh ein Baustellenfahrzeug da, ein Mann steigt aus, steht rum. Eine Stunde später sind es drei Männer. Sie beraten sich. Fahren weg. Kommen wieder und laden Absperrungen aus.

Hinterm Fenster tobt das Leben

Grundlegende Erkenntnisse im Home-Office:
Das Hintergrundbild meines PCs muss dringend geändert werden.
Fussnägel müssten mal geschnitten werden. Das kann man ohne die Socken auszuziehen feststellen.
Socken sind kaputt.
Kaffee wird knapp.
Der Chat im Schul-Intranet ist wie die Karte des Rumtreibers: Ein kleiner Racker erscheint, schreibt „Hallo“. Ich schreibe „Guten Morgen,“ (…’kleiner Racker‘). Er schreibt „Guten Morgen“. Ich denke ‚Hallo‘. Ein zweiter erscheint, schreibt „Guten Morgen“ (mit allen Namen und allen menschenmöglichen Emojis). Der erste kleine Racker schreibt und schreibt…. der zweite geht. Der erste schreibt… „MAU!“ (Realität: die Mietz ist aufgewacht). Der erste schreibt…, schreibt… und schreibt… Die Katze plärrt. Dann steht da „Hallo“.

Zurück zur Arbeit: Was habe ich schon erreicht? Ich habe immerhin das Hintergrundbild erneuert – ein nicht allzu viel Fernweh erweckendes Meerbild mit schlechtem Wetter (und hier scheint die Sonne!) – Danach muss ich dringend mal dieses Foto mit Fisch von Astrid Lindgren suchen, wo sie schreibt, wie eine gute Geschichte sein muss. Es ist wichtig, denn das Töchterlein teilt sich mit mir unser Küchen-Office (sie wird nach zwei Wochen zur Kollegin des Monats gekürt werden, aber das kann ich jetzt noch nicht wissen). Wir führen kollegiale Gespräche über saisonale und systemrelevante Themen wie Fake-News (den swr-fakefinder.de muss ich auf meine To-Do-Liste schreiben!) und Quarantäne-Playlists. Zack, gefunden!

„En bra bok ska vara en gädda; en spetsig inledning, ett matnyttigt mittparti och en snärtig avslutning.“

Ein gutes Buch muss wie ein Hecht sein: Eine spitze Einleitung, ein fetter Hauptteil und eine … Ausleitung.“ Was heißt jetzt nochmal snärtig? Während ich das nachgucke, bemerke ich, wie verdächtig still es ist. Die Mietz ist verstummt. Aber es ist noch etwas anderes.

Erst jetzt fällt es uns auf: Die Straße! Es ist die Straße! Ein Blick aus dem vorderen Fenster verrät: Es ist ein vorbildlich organisiertes Social-Distancing, was uns diese Idylle beschert: Die Vollsperrung unserer nun friedlich daliegenden Straße ist vollzogen.

Hier tut sich nichts mehr. Da ist dann jetzt mal Schluss mit der Raserei.

Am Nachmittag kommt dann doch noch ein Einsatz: Das Schilderauto hält an, Männer hängen eine Tüte über das Linksabbiegen-Schild und fahren wieder.

Jetzt ist die stillgelegte Straße keine Einbahnstraße mehr.

So Vieles an nur einem einzigen Tag!

Am nächsten Tag werden hübsche rote Spuren auf die Straße gemalt. Und das alles genau vor unserem Fenster, damit wir armen Eingesperrten genug zum Schauen haben.

Eine ganze Woche verbringen wir in derart kontemplativer Stille, dass wir die Besuche auf dem stillen Örtchen anfangen zu schätzen: Dort läuft leise das uralte Radio mit kratzig eingestelltem Sender „I touch no one and no one touches me. I am a rock, i am an iiiiisland…“ Es ist so erfrischend wie ein Besuch auf der Obi-Kundentoilette. Ein Hauch von Öffentlichkeit und Normalität hält Einzug.

So ist es möglich, sich wieder den wesentlichen Themen der aktuellen öffentlichen und privaten Diskussion zu widmen, neben der eigentlichen Arbeit im Home-Office, versteht sich. Auf der anderen Seite des Küchentischs wird das Selbstverständnis auf wichtig und gleichzeitig auch witzig hinterfragt, während ich meine Kaffeebestellung konsequent weiter auf jeweils morgen vertage.

Auch die Antwort auf die schwelende Frage nach dem Sinn des Lebens und der drohenden Wirtschaftskrise will nicht recht reifen: Was, wenn wir Menschen am Ende gar nicht Konsumenten sind?

Eine Woche später ist schlagartig Schluss mit der Stille und die Ereignisse überschlagen sich. Seht selbst:

Wir werden sogar mit einbezogen. Es gibt Zettel im Briefkasten und auch persönliche Aufgaben: mal den Hauswasseranschluss lokalisieren, mal den Wasserhahn aufdrehen, dann wieder zudrehen. Aufregend. (Vielleicht sind wir ja ein ganz klitzekleinwenig systemrelevant?)

Nebenan, im brach liegenden eigentlichen Büro, hat die Maulemietz Bauaufsicht.

Warum auch immer Greta den Song Cement Mixer (Slim Gaillard) in ihre Quarantunes aufgenommen hatte, er plärrt in dem Augenblick drinnen aus der Box, während draußen vorm Fenster das schwere Gerät Einzug hält. Und ein weiteres fieses WhatsApp-Coronawitzchen auf meinem Phone eintrudelt:

werhathierdascopyrightbittemeldedich!

Ein insgesamt würdiger Empfang!
Sind wir ehrlich: das wäre nicht nötig gewesen!

Es bleibt weitere zwei Wochen lang bestialisch laut. Es ist genau vor unserem Haus und es entwickelt sich apokalyptisch.

Aber: Es ist unsere Baustelle. Da hält man es aus, dass die Wände wackeln, der Boden bebt und dass Geschirr in den Schränken klirrt. Die Kundentoilettenbeschallung konnten wir wenigstens wieder stilllegen.

So vergehen die Tage, mit Beschallung präzise von 8 bis 16 Uhr.  Passanten, die in die anschließende Ruhe hineinschlendern, gucken in unsere Baustelle hinein. Es ist einfach eine Frechheit. Nur das Kontaktverbot hält mich davon ab, sie darauf hinzuweisen.

Zu Beginn der dritten Woche tut sich auf einmal nichts mehr im Online-Unterricht. Kein Lebenszeichen auf Schülerseite. Kein kleiner Racker weit und breit, kein verpeilter großer, der nochmal per E-Mail wissen will, was eigentlich die Aufgaben waren. Ich sehe ernsthaft auf dem Kalender nach. Na gut, die Uhr wäre da wichtiger gewesen: Es ist 9:30 Uhr, Montagmorgen nach der Zeitumstellung…

Aber eine Schlagzeile wäre es wert:
Lehrer verzweifelt im Home-Office: Die Schüler melden sich nicht. Sind denn schon Ferien?

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