Des Wahnsinns fette Beute

„Hat dich der Wahnsinn wieder eingeholt?“, werde ich zuweilen gefragt. Gemeint ist dabei, wie mir der Schulanfang schmeckt. Ich sage dazu immer aufrichtig: Nein. Und ich meine es genau so. Es ist sehr schön, wieder zu arbeiten, und ich habe nur Schüler, mit denen es mir viel Spaß macht. Am dritten Tag stelle ich fest, dass mein Gefühl der Freiwilligkeit dadurch bedroht wird, dass mir eine Aufgabe, die ich gerne übernehmen will, aufgezwungen wird. Es ist ja eigentlich egal, ob ich soll oder will. Aber Wollen fühlt sich nunmal besser an als Sollen. Der liebe Kollege, dem ich beim Frühstück davon berichte, verweist mich auf Camus‘ Sisyphos, der den Stein immer wieder auf den Berg rollen will und sich weigert, ihn hochrollen zu müssen. „Du sollst“ „Nein, ich will!“ „Nein, du sollst!“

Und weil das Ergebnis einfach besser wird, wenn ich etwas mache, was ich auch machen will, bleibe ich dabei: Ich will. Punkt. Wieso sollte ich auch nicht wollen? Ich habe so ein gutes Leben!

Auf dem Konzert von Radio Doria erzählt der prominente Sänger von den Weisheiten seiner Oma. Unter Anderem, dass alles, was man mit Liebe tut, gut wird. Das hat ja meine Oma auch schon immer gesagt. Und ich auch. Er erzählt auch, dass die Wahrscheinlichkeit in Deutschland geboren zu werden geringer ist, als fünf Richtige im Lotto zu haben. Weil ich mich ziemlich glücklich schätze, in einem Land geboren worden zu sein, in dem ich so viele Möglichkeiten habe, weiß ich: Ich habe den Fünfer im Lotto! Danke, Jan-Josef, für diesen Text!

Und wegen seiner Oma, wegen meiner Oma und auch wegen all dem, was ich mir in meinem Leben selbst schon so zusammengereimt habe, gehe ich weiterhin in der Überzeugung, alles gerne zu tun, was ich so zu tun habe, durch meinen Berufsalltag. Diese Einstellung wird recht bald auf eine harte Probe gestellt.

Es naht eine letzte Feierlichkeit des fünfzigjährigen Jubiläums meiner Einrichtung in Form eines Herbstfestes. Die Aufgabe, die man für mich vorgesehen hat, versuche ich tatsächlich abzuwenden. Denn auch mein guter Wille hat Grenzen und hier bin ich tatsächlich eine Fehlbesetzung. Aber alle anderen Aufgabenbereiche wurden während meiner 413 freien Tagen verteilt und diese hier ist meiner und muss sein: Die Wurstbude.

Wie es zu dieser Fehlbesetzung kam, liegt sicher an Unwissenheit. Ich bin als „eingefleischte“ Vegetarierin (wieso benutzen die dafür eigentlich dieses Adjektiv? Es gäbe sicher bessere…) unauffällig, nicht militant, kann mich anpassen und Beilagen essen, missioniere nicht und beantworte die Frage nach dem Warum nicht mehr. Niemals jedenfalls, während einer auf totem Tier herumkaut. Wenn es hart auf hart kommt, sage ich dann bei diesen Fressveranstaltungen so etwas wie: „Glaub mir, das willst du nicht hören, solange du isst.“

Manchmal fragt ein hartnäckiger Fleischesser dann „Warum denn nicht?“ Dann wirds blöd, aber auch noch machbar. Denn ich weiß, wie einer guckt, der auf toten Tierteilen rumkaut, wenn man ihm genau das sagt. Beim Rauchen über die Schädlichkeit des Rauchens aufgeklärt zu werden ist leichter zu verkraften, als wenn einer Steak, Schnitzel oder Wurst isst und dann erfährt, dass dieser Happen in meinen Augen eine zersägte, gehackte oder anderweitig zerlegte Tierleiche ist. Unter Umständen auch noch nach dem Schreddern perfide in seinen eigenen Darm gestopft und verzehrgeeignet portioniert (wobei oftmals mehrere Portionen verdrückt werden).

Und genau da bin ich nun: Die Portionen werden besprochen und bestellt. Dazu muss ich in die Metzgerei. Und weil ich den Geruch nicht lange aushalten kann, bin ich gut vorbereitet und habe genauestens aufgeschrieben, wie diese ganzen Würste exakt heißen. Ich will das schließlich kompetent durchziehen. Als Erstes fange ich mit den Steaks an und – zack- da ist die Falle! Denn die Metzgereifachverkäuferin versteht ihr Metier. Sie fragt (ohne üble Absicht): „Mager oder durchwachsen?“ Boah, klingt das ekelig! Ich weiche aus in die Frage nach dem Preis. Da tun sich neue Möglichkeiten auf, denn es gibt auch marinierte und…

Kurzum: Es dauert länger als geplant, aber trotzdem nur 5-8 Minuten.

Leider will mir genau das der Mann vom Ordnungsamt nicht glauben, der mein kleines Auto ordnungswidrig halb auf dem Bürgersteig parkend entdeckt hat. Er schreibt mir einen Brief mit Beweisfoto und Aktenzeichen.
Netterweise auch mit seiner E-Mailadresse versehen. Das ist sehr gut, denn ich habe ein Problem damit, dass mein Auto als allererstes Antrittsfoto eines vor dem Metzger erhalten soll. Seit fünf Jahren erwarte ich eines, auf das ich stolz wäre: Eine Geschwindigkeitsüberschreitung sollte es sein!
Aber fünf Minuten vor einer Metzgerei? Unwürdig!
Ich schlage ihm einen Tausch vor: Er zieht das Foto zurück und ich fahre dafür freiwillig in die Radarkontrolle (steht gegenüber vom Metzger) und biete ihm auch an, mir nicht antworten zu müssen. Ich würde das dann selbsttätig als Ja werten.
Leider antwortet er umgehend und ablehnend. Die Belehrung bleibt nicht aus: Ich hätte genaugenommen, zwei Ordnungsverstöße begangen: Das Parken auf dem Gehweg und das Missachten der Verkehrszeichen, die darauf hinweisen. Und ich solle mich zukünftig an die Regeln der StVo halten.

Einen Versuch war es wert, aber über das Ding mit der Freiwilligkeit will ich eines Tages nochmal gut nachdenken. Immerhin komme ich durch diesen Zwischenfall nicht dazu, über die Anzahl von Tieren nachzudenken, die für diese enormen Fleischberge sterben mussten. Ich habe noch nie so viel Fleisch gekauft und fühle mich mitschuldig an der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen. Inständig wünsche ich mir, dass wenigstens alles gegessen wird und nichts übrig bleibt, wie eigentlich nach jedem dieser Schulfeste.
Aber erst wird gefeiert!

Allerdings will vorher noch ein Stündchen Unterricht gemacht werden. Die Zehntklässler wollen sich nicht so richtig für die spannende ethische Fragen nach dem Woher des Bösen begeistern. Als ich sie schließlich mit „Viel Spaß beim Feiern“ für die Festvorbereitungen verabschiede, wird die Diskussion doch noch lebhaft. Empörung in der bisher stillen ersten Reihe: „Das wird sowieso nicht schön, sie haben nur 100 Steaks bestellt!“ Unruhe hinten , aber noch bleibe ich professionell: „Nicht ’sie haben‘. ‚Sie HAT‘. Grammatikfehler, mein Freund“ (ich zeige dabei auf mich). Fassungsloses Schweigen. Und tschüss!
Da ahne ich noch nicht, dass Fleischmangel ein ernstzunehmender Faktor der Feierstimmung werden wird.
Das Wetter ist bombig, der Schulhof gefüllt mit so vielen Menschen, wie sie hier noch nie jemand bei irgendeiner Veranstaltung gesehen hat. Die Stimmung könnte nicht besser sein!
Blöderweise fehlt zur Prime-Time eine Person am Grill (einfach nicht zum Dienst erschienen, tzzz) und ich finde mich mit Grillzange an einer spritzenden Fettwanne wieder und Schweinedärme wenden. Jetzt bloß nicht denken! Bloß nicht riechen, einatmen oder gar darüber sprechen. Ich habe noch nie gegrillt. Behalt es für dich. Strategie Grillsport: Ich konzentriere mich einzig auf die grillenden Hände gegenüber und versuche synchron zu wenden. Ich mache exakt, was gegenüber auch gemacht wird und gucke nicht hoch. Immer schön von rechts nach links, wusch, wusch, wusch, einen wulstigen, knubbeligen Wurstdarm nach dem anderen und dann wieder rechts anfangen. Ich bin dem unbekannten Vater, der so souverän gegenüber Würste wendet, sehr, sehr dankbar! Ich kann es nicht sagen, muss mich konzentrieren, aber er ist mein Halt. Danke! Die Brille verfettet, alles stinkt, weitermachen.
Rettung naht: Eine Unbekannte eilt heran, fragt, ob Hilfe benötigt wird. Ja, wird. Und wieder: Danke! Beim Brille-Säubern merke ich, dass ich keine Minute länger durchgehalten hätte. Erst jetzt macht sich der Ekel breit. Puh.
Man glaubt es kaum, auch das ist sofort vorbei, denn im richtigen Moment erscheinen genau jetzt meine altvertrauten Ehemaligen, welch Freude!
Weiter geht es erst einmal mit vollen und leeren Fleischschüsseln hin und her zwischen Schulküche und Wurstbude .
Nach weiteren zwei Stunden sind alle Würstchen verkauft. Wie herrlich. Alles ist gut!

In meine Freude mischt sich das Stimmengewirr um mich herum, dass sich immer direkter an mich wendet. Mir wird berichtet, die Festgesellschaft wäre unzufrieden, weil die Wurst alle sei. Eine Fehlplanung! Wie kann man nur! Es ist ein Jubiläumsfest! Ein herlicher Sommertag, es könnte nicht besser sein und dann zu wenig Wurst! So etwas plant man doch! Unmöglich! Die Leute kommen von der Arbeit und haben Hunger!
Ich habe das Gefühl, die Kalkulation der Schulleitung verteidigen zu müssen, sage etwas von ‚konnte man nicht wissen‘ und ‚Schule ist normalerweise keine Wirtschaft, wir sind eigentlich Pädagogen‘ und ’so viele Gäste hatten wir noch nie‘. Jemand fragt, ob ich bei meiner Aussage bliebe. Ich meine ja (bin ja nun doch ein wenig verdaddert und kann meine Sichtweise so schnell gar nicht genau andersrum sehen). Ich will mal schnell die Schulleitung fragen. Vielleicht kann die? Die Frau verschwindet erbost, ein Kollege übersetzt mir: „Sie wollte anbieten, noch mehr Wurst zu kaufen“ Ich: „Warum hat sie nicht?“ Er: „Das Gespräch ging schief.“ Stimmt. Und professionell war das nicht. Ich suche die Frau, denn ihr Angebot ist ja doch sehr hilfreich. Aber sie ist über alle Berge. Sicher geht sie erst einmal schön was essen. Ich habe sie auch später nicht mehr gesehen.
Es sieht so aus, als wäre ich die einzige, die sich über den Abverkauf der Würstchen gefreut hat. Jetzt sehe ich es auch ein: Ein Schulfest braucht Wurst. Auch die Schulleitung sieht das jetzt so, ordert neue Wurst und Brötchen, der fette, spritzende Wahnsinn geht weiter.

Aber mich hat er nicht. Denn ich werde freundicherweise von meinen schon etwas ungeduldig wartenden, geliebten Ehemaligen und einigen Weinflaschen auf die andere Seite des Schulhofs entführt und ordnungsgemäß abgefüllt. Sehr leise ist die Stimme in mir, die ‚Wurstbude‘ sagt, ‚Pflicht‘ und ‚Kollegen nicht im Stich lassen‘. Allein, die jungen Menschen und die einsetzende Dunkelheit versperren mir die Sicht und ihre Gespräche mein Pflichthirn.
Wie schön dieses Fest ist! Wie stolz ich auf die Ehemaligen bin! Wie froh, dass sie so tolle Erwachsene geworden sind! Sie machen richtig coole Sachen! Wir tauschen Erinnerungen und vergessen die Zeit.
Das Leben ist schön!

…und ich bleibe freiwillig bis spät in die Nacht.

Und schießlich habe ich doch noch über das Ding mit dem Sollen und Wollen nachgedacht:
Es ist schön, wenn man das, was man tun soll, gleichzeitig auch tun will. Und ist es mal nicht so, dann geht es auch. Irgendwie. Nur wenn es richtig gut werden soll, dann ist es besser, wenn man dahintersteht.

Und dass die jungen Menschen ihre Berufe gefunden zu haben scheinen, in denen sie hinter dem stehen, was sie machen, das macht mich sehr froh!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s