Hurrah, Sommer!

… und hilft mir der Utilitarismus?

…vorsicht … ungenießbar…

Vielleicht hat mich das viele Reisen verdreht. Vielleicht hat es nur meinen Blick auf das eigene Land verändert. Oder auf alles Mögliche. Jedenfalls treffe ich zuhause nicht nur endlich wieder auf meinen Sohn, sondern auch auf sein Probe-Abo der Süddeutschen Zeitung, die Sonne brennt (endlich) heiß und ich lese. Und wundere mich. Und es ist heiß. Ich bewege mich nicht mehr, ich lese einfach immer weiter.

Es fressen sich zwei Dinge in meinem Kopf fest, die gar nicht recht zusammen passen.

Das Erste ist eine Sache in Bayern (am 26.6.2019): Tolle Bilder auf Seite 26 zeigen einen herrlich belebten Badesee mit jugendlichen Arschbombern. Hurra, wie toll! Sommer ist wie immer, wie früher! Darunter ernüchtert der Titel: „Vorsicht Unfallgefahr!“ Zwei weitere Fotos von abgesperrten Seen erzählen schon den Rest der ganzen traurigen Geschichte: Irgendwo in Bayern hat man ein zwei Jahre altes Rheinland-Pfälzisches Urteil ausgegraben, das den Betreiber eines Naturbads zur Haftung für den Badeunfall eines Mädchens heranzog. Daraufhin werden jetzt überall in Bayern Badeseen geschlossen, gesperrt, Bänke, Bade- und Schwimmstege abgebaut. Wenn ich das mal verkürzt darstelle, sieht die Sache nun so aus:
Weil es vorkommen kann, dass man sich beim Baden verletzt, weil Verletzungen die „Schuld“ des Seebesitzers sind, darf keiner mehr baden. Spaß ade! Sommer ist doch nicht mehr so cool wie früher. Früher waren wir selber Schuld, wenn wir uns beim Köpper blöd angestellt haben, heute ist es der See. Und sein Besitzer hat das zu verantworten.
Schilder reichen nicht. Es muss ein Rettungsschwimmer anwesend sein oder eine Absperrung her. Alles andere könne den Eindruck erwecken, dass es sich (trotz Schilder) um eine Bademöglichkeit handelt und Menschen doch zum Schwimmen verleiten.
Ist es etwa so, dass wir alle unmündig sind, Sklaven unseres unbremsbaren Badetriebs, der nicht durch Lesen sondern nur durch faktische Unmöglickeit gestoppt werden kann? Und weil wir so sind, ist der Seebesitzer Schuld an unserer möglichen Gefährdung, wenn er uns nicht abhält. Er beschützt nicht nur uns vor Unglücken, nein, auch sich selbst vor Strafe.

Ich mag ja nun Lebensfreude ganz gerne, weshalb mir der Utilitarismus schon immer etwas fremd war. Aber ich habe auch festgestellt, dass sich so einiges Unerklärliche in unserer Gesellschaft damit erklären lässt. Damit wird das drohende Ende der Badeseen für mich ganz einfach zu verkraften.  Wenn nämlich der größte Nutzen für eine Vielzahl von Menschen über dem größten Nutzen eines Einzelnen steht, dann muss man zwar sagen, dass der Nutzen Vieler im Baden liegt und der Einzelfall der verunfallten Badenixe sich dem unterordnet. Allerdings ist ggf. der Schaden für den Einzelnen so hoch, dass er nicht aufzurechnen ist mit dem bisschen Vergnügen, welches Viele haben könnten. Und es bleibt womöglich nicht bei einem Unfall, es folgen weitere. Sehen wir es so: Die Sicherheit aller ist wichtiger als der Badespaß.  Folglich: Alle profitieren von gesperrten Badeseen.

Nebenbei ganz interessant: Solange die Obamas mit den Clooneys am Comer See Urlaub machen, herrscht Badeverbot vor Clooneys Haus (500€ Strafe, wers doch macht, was Papparazzi eigentlich nicht abschrecken wird, oder?) Wem gehört der Comer See, und was, wenn Obama sich verletzt? Und ist der Seeabschnitt abgesperrt? Beaufsichtigt man die Clooneys oder die zu nah an die Badeverbotszone Heranschwimmenden?

Dieser Seitenstrang ist nicht weiter verwunderlich, denn die prominenten Besucher werden einige Trinkgelder am Comer See lassen und man bemüht sich entsprechend um die hohen Gäste. Das ist für mich okay so. Interessant nur, dass man in Italien diesen Gästen zutraut, sie könnten unfallfrei baden. Das finde ich schön.

Das Zweite, was mich wirklich beschäftigt, ist allerdings etwas fieser:
Auf Seite 8 (der gleichen Ausgabe) wird in der Rubrik „Panorama“ unter dem Titel „Recht auf Fortpflanzung“ über ein britisches Gerichtsverfahren berichtet. Es geht um eine nicht namentlich genannte junge Frau in der 22. Schwangerschaftswoche, die aufgrund ihrer geistigen Behinderung gesetzlich betreut wird. Ärzte und Psychologen bescheinigen ihr einen niedrigen Intelligenzquotienten und den Entwicklungsstand eines Kleinkindes. Der National Health Service hatte vor einem Betreuungsgericht durchgesetzt, die Schwangerschaft zu „beenden“. Die Mutter der Schwangeren, selbst ehemals Hebamme, würde das Kind aufziehen. Sie  legt eiligst Berufung ein und bekommt Recht: Die National-Health-Service-Ärzte dürfen nicht abtreiben.

Sicher ist es eine schwierige Frage, wie weit sich der Staat hier einmischen darf. Und auch, wer wie stark für einen Menschen mit geistiger Behinderung Entscheidungen treffen sollte. Man kann sich auch kein genaues Bild über den Zustand der Schwangeren machen. Was an der Sache so schaudern lässt, ist weniger die Entmündigung in einer so persönlichen Angelegenheit, als vielmehr die Argumente, mit denen hier hantiert wird, Sie erwecken einen schalen Verdacht. Worum geht es hier eigentlich?

Genannt wird das Wohl der Mutter. Ein Frauenarzt und zwei Psychiater führen an, die Frau sei psychisch krank und könnte bei fortschreitender Schwangerschaft eine Psychose bekommen.
Das Betreuungsgericht hatte als Begründung für das ursprüngliche Urteil genannt, dass die junge Frau sich ein Baby so wünsche, wie sie sich eine Puppe wünschen würde.
– Hoppla, stellt man diese Frage jeder Mutter? Müssten alle Frauen abtreiben, die einen kindlichen Wunsch nach einem Baby haben? Und wer prüft den Kinderwunsch werdender Mütter und vor allem wie?

Die staatliche Rechtsvertreterin der jungen Frau konnte feststellen, dass sich jene über ihre Schwangerschaft freue. Sie sieht auf der anderen Seite die Gefahr der Stigmatisierung in der nigerianischen Gemeinde. – Aha, die Frau ist also Nigerianerin? Wo liegt das Problem? Dass sie unverheiratet schwanger ist, vielleicht. Vielleicht sind Nigerianer in einer britischen Community konservativ.

Das Berufungsgericht begründet schließlich seine Entscheidung mit der internationalen Menschenrechtskonvention, die auch Menschen mit Behinderung ein Recht auf Fortpflanzung zuspricht.

Verwunderlich ist hier nebenbei, dass sonst in Abtreibungsdiskussionen regelmäßig das Wohl der Mutter hinter das Wohl des Kindes gestellt werden soll. Dass man in diesem Fall nicht einmal über die Interessen des Kindes spricht (immerhin ist es schon die 22. SSW), mag an der Einschätzung des Arztes und der Psychiater vom NHS liegen, die davon ausgehen, die Mutter leide durch ein Wegnehmen und zur Adoption Freigeben des Kindes noch mehr als ohnehin schon durch die Schwangerschaft.
Dann führen die Ärzte noch an, dass es außerdem unklar sein, wie die Schwangerschaft zustandegekommen sei. – Oha, jetzt wird das hier mal wirklich spannend. Und ja, ich weiß, ich begebe mich jetzt in spekulative Grauzonen. Mag sein, dass ich hier in emanzipatorisch-verblendeter Irrfahrt herumschlingere, aber genau hier nervt mich die Angelegneheit. Deswegen frage ich mal vorsichtig: Liebe Ärzte, meint ihr es gut mit der Mutter und wollt einfach nur sichergehen, dass sich niemand an einer behinderten Nigerianerin vergangen hat? (Dann könnt ihr an dieser Stelle nicht mehr eingreifen, lasst das Sorge der Polizei sein) Oder wollt ihr Neugiersnasen einfach nur wissen, wer sich mit ihr vergnügt hat oder ob sie Spaß hatte? Wollt ihr am Ende sicherstellen, dass sich die Behinderung nicht vererbt? Seid ihr der Auffassung, dass man sich um das Wohl eines vielleicht dummlichen (halb)nigerianischen Kindes keine Gedanken machen muss? Und stimmt das, gibt es eine Schwangerschaftspsychose? Und warum nennt ihr es nicht Abtreibung, sondern sprecht davon, die Schwangerschaft zu „beenden“?

Und das sind nur die harmlosen Fragen gewesen. Die anderen dränge ich zurück, wo sie herkommen: In meinen Kopf, in die Zeitung, durch den Briefschlitz wieder hinaus.

Wie diese beiden in meinem Kopf verkeilten Themen zusammenhängen, weiß ich immer noch nicht. Sagt es mir. Mit dem Utilitarismus komme ich hier jedenfalls nicht weiter, sonst kommen die gruseligen Fragen wieder zurück.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Aanie sagt:

    Hey Heimkehrerin,
    an dir ist wirklich eine Journalistin verloren gegangen – schreib doch bitte einen Leserbrief!
    Aber bitte, bitte hör auf Zeitung zu lesen, sonst mußt du noch viele Leserbriefe schreiben …oder überlebst den Sommer nicht.
    Ich lebe und geniesse völlig unbeschwert: habe bisher jedes Probeabo abgelehnt und finde auch in Bayern immer einen See zum reinspringen – auch wenn er eiskalt ist – bin ja selber Schuld, wenn ich baden geh…;-)
    Komm her und mach erst mal dein Jodeldiplom, das wird schon wieder …Pfia di!
    Aanie

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    1. Dass du da in Bayern unbeschadet baden gehen kannst, beruhigt mich sehr! Hätte ich doch besser gleich dich gefragt, dann wäre mir einiges Kopfzerbrechen erspart geblieben! Das Probeabo ist gekündigt. Es wird nicht die Zeitung meines Vertrauens. Jetzt kommt täglich die letzte Zeitung. Die heutige schnappe ich mir jetzt und radele damit zu einem hessischen Badesee… Pfüät di!

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