Haile Selassie

Die ganze Nacht tobt (wie bisher jede Nacht) draußen vorm Hotel der Partylärm. Morgens um halb sechs beginnt wieder das Megaphongebet der riesigen Kirche auf der anderen Straßenseite. Heute ist der Tag, an dem ich das Hotel wechsele – immer noch ohne mein Handy.

Es ist nicht so leicht mit der Gelassenheit, müde und in der leisen Ahnung, dass ich das Handy vielleicht im Taxi verloren habe, allein in einer beinharten Stadt.

Vom neuen Hotel aus schlendere ich durch die Straßen von Addis. Heute finde ich die Stadt grauenvoll. Ich bin im ITOT-Modus: werde oft angesprochen und denke mir nur immer: I’m Tired Of Talking.

Abends erscheint – oh Wunder -Yorda mit meinem Handy im Hostel. Wie auch immer sie mich gefundenen hat. Sie ist meine Heldin!

Und dann ist dies die erste ruhige Nacht seit langem. Das Leben ist schön!

Dennoch: Es ist genug mit der Stadt und mir. Ich will raus.

Voller ausgeschlafenem Elan buche ich im Hostel für die letzten vier Tage meiner Reise einen Naturtrip in den Norden und kapere mir dann an der nächsten Kreuzung ein Taxi zur Dreifaltigkeitskirche.

Blick vom Grab der Sylvia Pankhurst auf die Dreifaltigkeitskirche

Dort will ich das Grab der berühmten Sylvia Pankhurst sehen, der britischen Frauenrechtlerin, die sich gegen eine Vereinnahmung Äthiopiens durch Italien und für die Unabhängigkeit Äthiopiens eingesetzt hat.

Außerdem ruhen in der Kirche die Gebeine Haile Selassies und seiner Frau Tahitu.

Zunächst muss ich für 200 Birr ein Ticket kaufen, was ordentlich auf Durchschlagpapier doppelt ausgefertigt wird. Mit meinem Durchschlag gehe ich zielstrebig zu dem netten jungen Guide, der mir gezeigt hatte, wo das Ticketoffice ist. Das entfacht einen hitzigen Dialog zwischen diesem und einem alten Amharik sprechenden Guide, der sich mir an die Fersen heftet und mit seinem official Guide-Ausweis wedelt. Jetzt wedeln beide mit ihren Ausweisen. Könnte ich doch einfach alleine gehen… Ich erkläre kurz, dass ich das Englisch des Jungen besser verstehe und ihn haben will.

Der Alte zieht schmollend von dannen.

Als wir die Gräber absolviert haben und vorm Eintreten in die orthodoxe Kirche die Schuhe ausziehen, beginnen drei andere alte Männer auf den Jungen einzuschimpfen. Wieder wird mit Ausweisen gefuchtelt, der Junge gibt mir Zeichen und ich schlüpfe einfach in die unglaubliche Erhabenheit der Dreifaltigkeitskirche.

Während der nächsten halben Stunde tobt draußen weiter lautes Gezeter und drinnen flüstert mir ein freundlicher stiller Wächter alles zu, was ich wissen will. Er führt mich herum und lässt mich auf Socken überall hin, macht sogar Fotos von mir vor den gigantischen Särgen von Haile und Tahitu.

Links Tahitu, rechts Haile Selassie
Haile Selassies Thron
Die alte äthiopische Dreifaltigkeitskirche

Anschließend laufe ich durch die späte Nachmittagssonne vorbei am Arat Kilo (4 Kilo-Platz) und am Präsidentenpalast. Den darf ich nicht fotografieren. Bewaffnete Wachsoldaten passen auf. Dafür ist die Aussicht von dort über die glitzernde Stadt herrlich.

Es ist wieder diese Tageszeit, wenn alle Kreuzungen von durcheinanderstehenden Autos blockiert sind und ich zu Fuß schneller bin als mit dem Taxi. Dennoch rufen mir einige Taxifahrer zu, dass sie mich fahren wollen.

Den Trick lerne ich schnell: Ich laufe immer auf der entgegengesetzten Straßenseite. Dann ist Ruhe.

Zebrastreifen gibt es hier überall, aber sie bedeuten nichts. Auch Fußgängerampeln bedeuten lediglich: Du könntest hier über die Straße gehen, wenn grad kein Auto kommt, oder auch woanders. Aber lass es besser, denn es kommen Hunderte.

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