Äthiopisches Zeremoniell

Seit einer Woche wird im Haus der Braut gefeiert. Heute ist es soweit: Während drinnen die Braut mit jedem Gast fotografiert wird, wird im Hof getanzt.

Das geht so: die traditionell festlich in Weiß gekleideten eritreischen Frauen fordern sich gegenseitig auf, zucken mit den Schultern und den Hüften, bis die Brüste hüpfen. Ich komme nicht drumrum, man bringt es mir anfangs geduldig lächelnd, später immer energischer bei.

Es ist ein erst taxierendes, dann aber wertschätzendes Aufnehmen in die Familie und macht glücklich.

Manche lachen auch, weil es bei mir so holprig wirkt. (Aber immer noch besser als mit den jungen Frauen am Vorabend, die mir immerzu so lachend auf Möpse und Hüften guckten, als würden sie mich für ne Null im Bett halten.) Macht nichts, weitermachen.

Wenn ich erst noch glaubte, ich hätte die Prüfung bestanden, werde ich bald eines Besseren belehrt: Man bietet mir ein traditionelles Kleid an, damit es richtig aussieht. Ich kneife. Es ist doch kein Karneval. Sollen mich die alten Frauen doch so nehmen, wie ich bin.

Ich habe Durst. Es wird mittags. Es gibt Ingera mit scharfen Pampen. Viel rohes Fleisch, was ich weglasse. Ich esse die scharfen Pampen (mit viel Berbere drin) und habe Durst.

Ich lerne Danke auf Amharik: a me se gnal-hu

Anschließend werden alle Gäste auf alle möglichen Autos verteilt und zur Kirche gefahren, danach weiter zur Feier-Location.

Vor der Location

Es sind so viele Menschen, dass ich den Überblick verliere. Sie jedoch nicht. Denn irgendwie nehmen mich alle wahr und ich stelle fest, dass sie sich nur zu gern von mir fotografieren lassen. Als Yorda mir übersetzt, dass sie mich die weiße Frau nennen, wird es mir erst klar: sie sind ALLE dunkelhäutig. Wieder soll ich tanzen und man wirft mir schnell einen weißen Schleier über. Ich fremdele und verzichte den Rest des Abends auf das Schulternzucken-Brustwackel-Gehoppse.

Im Inneren der Location

Das rauschende Fest nimmt seinen Höhepunkt mit dem Auszug des Brautpaares, die Torte ist alle, das Licht geht an und die vielen Bediensteten haben längst aufgeräumt.

Ich werde nach Hause gefahren (wie üblich nicht ohne, dass das Auto auf viel zu hohen Bordsteinen und Schlaglöchern aufsetzt). Am nächsten Morgen ist mir speiübel und ich verbringe den kompletten Sonntag bei flottem Otto im Hotelbett.

Was war das denn?

Eine Lektion in afrikanischer Gruppendynamik. Ich habe nichts verstanden (alle reden Amharik), wusste meistens nicht, was wann wo als nächstes passieren würde, habe mich einfach einer höheren Macht ergeben. Und habe überlebt.

Kulturschock!

Erst am nächsten Tag traue ich mich wieder in die fremde Stadt. Dort finde ich eine wundervolle Kaffeebar und am Nachmittag sogar einen Park, in dem ich sitzen und staunen kann. Und immer sind da Menschen, die fröhlich drauflos plaudern.

Und ich sehe zum ersten Mal andere Touristen. Ja, sie fallen wirklich auf mit ihren Rucksäcken und kurzen Trekkinghosen und auch mit ihter hellen Haut.

Park der Medhane Alem Cathedral

A me se gnal-hu öffnet Tür und Tor: Wann immer ich es sage, freuen sich die Leute. Der Mann in der Kaffeebar setzt noch einen oben drauf und antwortet lachend: I love you so much!

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