
Social Distancing – ist das noch immer ein Thema?
Irgendwie schon, denn trotz der Lockerungen sind wir alle nicht mehr locker.
Wir sind reflektierter und bei allem spürt jede*r immer klarer, was ihr/ihm wichtig ist: Wir brauchen Menschen, wir brauchen die Natur und wir brauchen Aufgaben.
Mein Beruf ist dröge geworden, ich arbeite brav nach Vorschrift und hinterfrage nicht mehr, ob diese oder jene Regelung sinnvoll ist oder nicht. Corona ist nicht sinnvoll. Wir müssen dennoch durchhalten.

Highlights sind immer wieder die Kinder, die so begeisterungsfähig sind. Sie wirken nach der langen Zeit der Isolation einerseits erschreckend vernünftig, andererseits unglaublich hungrig nach kreativen Aufgaben. Sie scheinen jede einzelne Kunststunde inclusive ausgiebiger Plaudereien zu genießen (was vorher eher durchwachsen war) und ich bin dankbar für jede dieser kostbaren Gelegenheiten.
Auf allen meinen Reisen habe ich eines immer wieder festgestellt: Die Menschen sind gut. Sie wollen friedlich leben, ein schönes Leben leben.
Deswegen widme ich meine reisearme Zeit den Menschen, die mich inspiriert haben, und springe dazu in die Zeit vor dem Lockdown, denn sie war wild und frei und schön. Und eines Tages wird unser Leben wieder wild und frei und schön sein. So, wie es jetzt unsere Fantasie ist.
Eine Woche vor dem Lockdown. Gu und ich sind unterwegs in Frankfurt. Die Ausstellung über die surrealistischen Künstlerinnen haben wir spontan geknickt, weil wir uns zu fein dafür sind, kostbare Zeit in einer Museumswarteschlange zu verbringen.
Stattdessen gehen wir mal wieder in die Carricatura und anschließend lassen wir uns im Lieblingslokal nieder.

Der Tisch ist reserviert ab später, aber uns reicht’s. Gu schiebt mir einen klitzekleinen Gutschein zu: ‚Der Besitzer dieses Gutscheins ist berechtigt, seine Realität für einige Stunden nach seinen Wünschen zu gestalten‘.
Toll! Das nehm‘ ich!
Ein überaus angenehmer Zeitgenosse setzt sich an unseren Tisch, beachtet uns aber nicht.
‚…die Wirklichkeit nach seinen Wünschen gestalten?‘ Ich wünsch mir seine Aufmerksamkeit. Los, schenk mir dein Lächeln!
„Bist du das, der hier reserviert hat?“ „Nein, ich bin noch verabredet.“ ‚Ich bin doch da‘, denke ich und strahle ihn an, sage: „Ja, natürlich. Deswegen hast du ja reserviert“. Er bleibt in Spur: „Aber doch nicht hier!“ Er sagt es mit Nachdruck. Das irritiert. Eine fragende Pause will sich breitmachen. „Dort hinten“, legt er nach und zeigt in den hinteren Teil des Lokals. Na, das wird ja immer schöner. „Nein, nein, du irrst dich. Dort hinten sind nur die Klos.“
Gus Gutschein entfaltet seine Wirkung. Ich zögere, nachzuschieben: ‚Wir sind hier mit dir verabredet.‘ Entscheide mich zwar dagegen, bleibe in der Sache aber hart und drehe ihm das Reserviert-Schild zu. „Wir haben Zeit bis später.“
Sein ernster Wiederstand bekommt Risse, nach einem kurzen Blick auf die Uhr und zur Tür stellt Hugo sich vor, rückt näher.
Gu übernimmt die Konversation. Sie kann das ganz ausgezeichnet. Wäre ich doch ein bisschen mehr wie sie!
Die Surrealismus-Ausstellung hat er sich nicht angesehen, zu lang war die Schlange. Deswegen ist er jetzt zu früh dran. Wofür zu früh? „Ein Elefantenkind, das zu viel fragt, wird vom Krokodil gefressen.“ „Die Geschichte kenne ich, ‚mein allerliebster Liebling‘. Ich habe sie meinen Kindern so gerne vorgelesen!“ „Ich auch“, breites Grinsen auf beiden Seiten des Tisches.
Aber ich bin kein Elefant. Heute nicht. Denn heute habe ich Gus Gutschein und fast ein Lächeln.
Hugo bleibt wortkarg, schielt ab und an zur Tür, tick tack, die Zeit läuft. Gleich ist später.
Eine Dame in lila Funktionsjacke betritt die Szene, lässt den Blick schweifen. Hugo beugt sich seitwärts und bindet seinen Schuh auf und wieder zu. Er wirkt irritiert, beobachtet verstohlen, wie die lila Funktion in Richtung Toiletten wandelt.
Die Konversation gehört wieder Gu und mir allein, Hugo klinkt sich aus, notiert etwas, zahlt. Man muss wissen, wann man verloren hat.
Jetzt ist später, der Kellner eilt. Während wir zahlen, schiebt Hugo einen bekritzelten Bierdeckel herüber, strahlt mich an und verschwindet zur Tür.
Noch benommen von seinem Lächeln lese ich: „Blind Date – Vielleicht warst es ja du.“ Darunter eine Telefonnummer.