Tunnelblick

Leute reden. Sie denken nach. Sie müssen es doch auch mal sagen können.

Ja. Sie müssen.  Wenn sie nur denken, sind sie ja alleine. Wir sind nicht gerne alleine, nein. Alles, nur das nicht.

Es sind schon sehr viele, die nachdenken. Und sie sagen es mir ungefragt, ungefiltert. Bekannte und Fremde, die es für ein Smalltalkthema halten: Corona macht doch alle verrückt im Kopf, wir müssen uns endlich wehren. Wehren gegen die staatliche Bevormundung, gegen das Beschränken unserer Rechte.

Welche Rechte meint ihr, meine Freunde und ihr, meine Fremden?

Eine Petition erreicht mich, man müsse jetzt global zusammenhalten, damit die da oben nicht länger mit uns machen, was sie wollen. Ich gebe mir Mühe, sehe mir die eindringliche Videobotschaft dazu an, aber ich erfahre nichts von Gehalt. Außer, dass es wichtig ist, zu unterschreiben. Wieso eigentlich soll ich mich dafür einsetzen, die Coronabestimmungen überall auf der Welt gleich zu gestalten? Die Lage ist doch überall anders. Und so lasche Regelungen wie in Amerika will ich nicht. Und den totalen Lockdown, wie es auf Bildern aus Paris oder Italien zu sehen war, will ich auch nicht.

Sehr wahrscheinlich geht’s aber gerade nicht so sehr darum, was ich will. Ich finde das alles auch nicht gut. Das heißt nun noch lange nicht, dass es deswegen jemand gemacht hat, um mich zu ärgern. Mich zu benachteiligen, mich zu knechten. Was für ein miserables Menschenbild haben wir da? Oder was für eine Vorstellung von  congenialer Zusammenarbeit weltweit vernetzter Politiker und Strategen! Respekt, wenn sie sich mal einig wären!

Habt ihr alle Tunnelblick, oder wasdalos? Ihr werdet mir fremd, Freunde. Hört doch auf mit dem Unsinn!

Ich forsche nach und finde Einträge auf Russisch. Zack, der Tunnelblick befällt auch mich! Wenn’s da was auf Russisch gibt, dann steckt die Achse des Bösen dahinter! Es weiß doch jedes Kind, dass die da im Osten alle politisch infiltriert werden. Aber ich finde auch nicht viel anderes, weil die Suchmaschine beschlossen hat, mir nur zu zeigen, was ich vermutlich sehen will. (Was denkt die eigentlich von mir?) Ich bin mir plötzlich selber fremd und denke an Tullius Destructivus, der es schafft, dass alle mit gallegrünen Sprechblasen reden.

Piraten und Römer macht das fertig, aber die Gallier schaffen es irgendwie. Sie prügeln sich zwar wie üblich mit faulen Fischen, aber am Ende wird der Barde geknebelt und es gibt ein Festessen.

Streit um Asterix

Kinners, was wir hier haben, ist ne ganz fiese Krise und wir müssen da irgendwie durch. Krise = da gerät alles mögliche ins Wanken, man kommt an die Grenzen des bisher Machbaren und vielleicht ist es nachher nicht mehr so wie vorher. Sehr wahrscheinlich sogar.

Aber eins ist ziemlich sicher: dass es keine simple Lösung gibt und dass es auch nichts hilft, mit faulen Fischen zu schmeißen.

Als würde die Welt davon untergehen, dass wir uns mal einschränken müssen. Kein Recht auf Partys, kein Recht auf Urlaubsreisen, kein Recht auf Krawall und Remmidemmi. So what, Freunde. Ist blöd, ja. Es ist sogar böse, gemein und kompliziert und macht überhaupt keinen Spaß. Gab es denn aber jemals eine einfache Erklärung für ein komplexes Problem? Schlimm auch, dass wir den Tunnelblick haben und nur das allernächste Steinchen vor den Füßen sehen. Sonst würden wir vielleicht feststellen, dass unser Partyproblem nicht existenziell ist. Draußen über’m Tunnel geht nämlich gerade die Erde kaputt. Und das ist ein echtes Problem. Wir werden unsere Gewohnheiten sowieso ändern müssen.

Die Welt ist nicht mehr so, wie sie mal war. Wir könnten schonmal darüber nachdenken, am Ende der Krise nicht ganz so üppig zu fressen und den Barden diesmal vielleicht sogar singen zu lassen.

Und mit ein bisschen Glück und ganz viel gutem Willen finden wir nachher wieder ein schönes Plätzchen, genießen unsere zurückgewonnenen Freiheiten und der Barde hat in der Zwischenzeit singen geübt. Oder wir singen einfach laut mit.

Ich empfehle die Lektüre von ‚Streit um Asterix‘

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